DiePresse.com

DiePresse.com | Bildung | Bildung allgemein |


Dem Lerngenie nicht im Weg stehen

25.01.2008 | 18:46 | HEDWIG SCHUSS (Die Presse)

Kinder. Der neue Film des Journalisten Reinhard Kahl hatte im Rahmen einer Veranstaltung der Initiative „Bildung grenzenlos“ Premiere in Wien. Es geht um Konzepte für die Zukunft.

WIEN. Was wissen Sie noch vom Zitronensäurezyklus und muss man das wissen? Der Journalist und Filmemacher Reinhard Kahl übt nicht zum ersten Mal Kritik am Ausbildungssystem in seiner Heimat Deutschland. Mit seinem neuen Film „Kinder“, den er diese Woche erstmals in Österreich bei der ersten Veranstaltung der Initiative „Bildung grenzenlos“ in der Wiener Hauptbibliothek am Urban-Loritz-Platz vorstellte, zeigt er anhand innovativer Schul- und Kindergartenformen, wie es anders sein könnte.

Bei der anschließenden Diskussion mit dem Publikum räumte Kahl ein, dass die „Kultur des Fehlers“ der Lackmustest für jedes Bildungssystem sei. Dass man aus Fehlern lerne, sei im deutschsprachigen Raum ein wenig in Vergessenheit geraten. Fehler seien keine Nahrung mehr für Schüler, sie leiden vielmehr an einer Bulimie nach dem Motto: „Fressen und Kotzen. Lernen und Vergessen.“

Der Hirnforscher Manfred Spitzer habe einmal gesagt, das Bildungssystem würde sich zweifellos zum Guten wenden, wenn man nur eine einzige Sache anders machen würde: Man soll bei Tests und Schularbeiten alles fragen, nur nicht den Stoff der vergangenen Wochen. Denn alles, was diese Frist von sechs Wochen nicht überdauert, sei lediglich die Produktion von „Edelschrott“.

Der Film „Kinder“, der auch schon auf DVD erhältlich ist, zeigt, wie es anhand ungewöhnlicher Projekte gelungen ist, den Forschergeist und den Drang, Neues zu lernen, bei den Kleinsten zu fördern, anzuregen und zu bewahren. Seien es Kindertagesstätten, die kreative Räume für altersgemischte Kinder und auch für Schulkinder bereitstellen, bis hin zu Waldausflügen für Unter-Dreijährige. Die Hamburger Kinderkrippe Tornquiststraße etwa fährt mit ihren Schützlingen für drei Tage ohne Eltern in den Wald. Und dort unternimmt sie Ausflüge, bei denen in bis zu sechs Stundenmärschen mit den Windelträgern die Natur erlebt und erforscht wird. Die Müdigkeit, die man erwartet hätte, bleibt bei den Kindern aus. Sie lernen, wie man am besten einen Hirsch füttert und packen gleich nach ihrer Rückkehr zu den Eltern in der Heimatstadt die Koffer für den nächsten Waldbesuch.


Kinder an der Arbeit

Auch die sogenannte „Lernwerkstatt Natur“ in Mühlheim im Ruhrgebiet geht neue Wege, wenn sie Kinder einfach ins Gelände schickt und sie in Gatschhosen mit Schaufeln und Kübeln bewaffnet einfach tun und lassen lässt, was sie wollen. Ohne etwas zu verlangen und zu erwarten, lässt man sich überraschen, mit wie viel Fantasie die Kinder ans Werk gehen, das sie ganz spontan „Arbeit“ nennen.

Eine Kindergartengruppe will einen Wolf entdeckt haben und verbringt Tage damit, eine Falle für ihn zu bauen. Die Entwicklungspsychologen beobachten, staunen und lernen von den kleinen Entdeckern.

An einer Vorschule am Bodensee, steht es den Kindern frei, was sie wann machen oder lernen wollen. Dass Kinder einfach gar nichts machen wollen, sei noch nicht vorgekommen, erklärt die Lehrerin. Dass manche Erwachsene heute sagen, sie hätten ihre Kindheit gerne ausschließlich auf Bäumen verbracht, wenn sie nur gedurft hätten, hält sie für Unsinn. Der Reiz ergibt sich aus dem Verbotenen. Wenn man eine freie Wahl hat, dann interessiert man sich auch dafür. Kinder wollen nicht immer zum gleichen Zeitpunkt das selbe wie Erwachsene, aber ihre Interessen seien ungemein breit, wenn man sie nur lasse.

Ein anderes Projekt, dass die Theorie des Anreizes durch freie Wahl belegt, ist das Jacobs-Sommercamp. Migrantenkinder wurden eingeladen zwei Wochen, extensiv Freizeit zu genießen, einen Theater-Workshop zu besuchen und zwei Stunden pro Tag Deutsch zu lernen. Anfänglich machte man sich wenig Hoffnung, dass die zwei Wochen sonderlich viel Effekt auf den Spracherwerb haben würden. Das Gegenteil stellte sich heraus: Der Lernerfolg und Kompetenzzuwachs entsprach etwas mehr als einem ganzen Jahr Regelunterricht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.01.2008)


© DiePresse.com